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So etwas wie Naturgesetze gibt es nicht. Es gibt nur verschiedene Gesetze, die im Zusammenhang mit der praktischen Erfahrung des Menschen mit der Natur stehen. Das sind die Gesetze der menschlichen Aktivitäten. Sie ändern sich, wenn der Mensch seine Aktivitäten ändert.
Pardot Kynes, Eine Arrakis-Fibel
Selbst nach sechs Monaten auf Salusa Secundus konnte Liet-Kynes immer noch über die wilde, rastlose Landschaft, die uralten Ruinen und die schweren ökologischen Wunden staunen. Es war genauso, wie sein Vater gesagt hatte – faszinierend.
Unterdessen studierte Dominic Vernius in seinem unterirdischen Versteck Aufzeichnungen und gestohlene Unterlagen über MAFEA-Aktivitäten. Mit Gurney Halleck ging er Manifeste der Raumgilde durch, um eine Möglichkeit zu finden, die Geschäfte so zu sabotieren, dass dem Imperator größtmöglicher Schaden entstand. Seine gelegentlichen Kontakte, die ihm dürftige Informationen über die Lage auf Ix verschafft hatten, waren verstummt. Früher hatte er sogar ab und zu Geheimdienstberichte von seiner verlorenen Heimatwelt erhalten, aber nun war selbst diese Quelle versiegt.
Dominics gerötete Augen und sein von nachdenklichen Falten zerfurchtes Gesicht verrieten deutlich, wie wenig Schlaf er in letzter Zeit bekommen hatte.
Liet hingegen blickte zum ersten Mal über die Intrigen der Wüstenmenschen und die Streitigkeiten der Clans um Anrechte auf Gewürzsand hinaus. Er verfolgte die politischen Entwicklungen zwischen Großen und Kleinen Häusern, Transportfirmen und mächtigen Familien. Das Imperium war viel größer, als er sich vorgestellt hatte.
Und er begriff allmählich auch das Ausmaß dessen, was sein Vater auf Dune geleistet hatte. Sein Respekt vor Pardot Kynes wuchs von Tag zu Tag.
Mit gelegentlicher Wehmut malte er sich aus, was nötig wäre, um Salusa wieder in früherer Pracht erblühen zu lassen, um den Planeten wieder zum Brennpunkt des Imperiums zu machen. Hier gab es noch so viele unbeantwortete Fragen, so viele Dinge, die es zu erforschen galt.
Mit einigen wohlplatzierten Wetterstationen und zähen Kolonisten, die bereit waren, Gras und Wälder zu pflanzen, konnte Salusa Secundus wieder zu einer lebenden und atmenden Welt werden. Doch das Haus Corrino weigerte sich, in ein derartiges Projekt zu investieren, ungeachtet der möglichen Gewinne. Es sah vielmehr danach aus, als würde man sich gezielt darum bemühen, dass Salusa genauso blieb, wie es in den vergangenen Jahrhunderten gewesen war.
Warum taten die Corrinos so etwas?
Liet verbrachte den größten Teil seiner freien Zeit damit, diese fremde Welt zu erkunden und mit einer Überlebensausrüstung durch die verwüstete Landschaft zu ziehen. Er wich den Ruinen der uralten, zerstörten Städte aus, wo nun Gefangene in den ehemaligen Verwaltungsgebäuden des Imperiums untergebracht waren – in hoch aufragenden Museen oder riesigen Hallen mit eingestürzten Decken. In den Jahrhunderten, seit Salusa zum Gefängnisplaneten der Corrinos geworden war, hatte niemand versucht, irgendetwas wieder aufzubauen. Wände standen schief oder waren umgestürzt, Dächer hatten riesige Löcher.
In den ersten Wochen hatte Liet die unterirdische Schmugglerbasis inspiziert. Er zeigte den kampferprobten Veteranen, wie sie die Spuren ihrer Anwesenheit verwischen konnten, wie sie die Hangarruine so herrichten konnten, dass sie den Eindruck erweckte, hier würden nur ein paar verzweifelte Flüchtlinge hausen, die niemand eines zweiten Blickes würdigte. Als das Schmugglerversteck gesichert und Dominic zufrieden war, ging der junge Fremen auf eigene Erkundungszüge, genauso wie einst sein Vater ...
Liet bewegte sich mit großer Vorsicht, um keine Steine oder Erde loszutreten, die einen Hinweis auf sein Hiersein geben könnten, als er einen Grat erkletterte, von dem aus er einen Blick über ein Becken werfen wollte. Mit dem Fernglas sah er Menschen im flimmernden Sonnenlicht: Soldaten in braun gefleckten Uniformen. Es waren Sardaukar-Truppen des Imperators in Wüstentarnfarben, die wieder ein ausgefallenes Kriegsspiel aufführten.
Vor einer Woche hatte er beobachtet, wie Sardaukar eine Gruppe entflohener Sträflinge aufspürten, die sich in einer abgelegenen Ruine verschanzt hatte. Liet war zufällig in der Nähe gewesen, als die Imperialen mit vollem Einsatz angriffen. Sie trugen Ganzkörperschilde und gingen mit Flammenwerfern und anderen primitiven Waffen gegen die Sträflinge vor. Der ungleiche Kampf hatte Stunden gedauert, bis die gut trainierten Sardaukar die abgehärteten Gefangenen Mann gegen Mann zur Strecke gebracht hatten.
Die Soldaten des Imperators hatten viele Sträflinge niedergemetzelt, doch einige hatten sich sehr geschickt zur Wehr setzen können. Sie hatten sogar mehrere Sardaukar getötet, ihre Waffen erbeutet und damit den Kampf verlängert. Als nur noch ein paar Dutzend der besten Kämpfer in der Festung kauerten und sich auf den Tod vorbereiteten, hatten die Sardaukar eine Betäubungsbombe gezündet. Nachdem sich die Truppen hinter Barrikaden zurückgezogen hatten, gab es einen grellen Lichtblitz, der die noch lebenden Gefangenen bewusstlos machte. Darauf hatten die Sardaukar die Festung erstürmt.
Liet hatte sich gefragt, warum die imperialen Soldaten nicht sofort eine Betäubungswaffe eingesetzt hatten. Später kam er auf die Idee, dass die Sardaukar vielleicht eine Auslese vorgenommen hatten, damit am Ende die besten Kandidaten übrig blieben ...
Und nun, Tage darauf, standen einige dieser überlebenden Sträflinge im ausgetrockneten Becken. Sie trugen zerfetzte Kleidung, die Reste ihrer Sträflingsuniformen. Rundum hatten die Sardaukar in geordneten Formationen Stellung bezogen und bildeten ein Gitter aus Menschen. Waffen und schweres Gerät waren auf strategisch günstige Positionen verteilt und an Pfeiler gekettet worden, die man in den Boden gerammt hatte.
Die Männer schienen zu trainieren – Sardaukar wie Gefangene.
Als Liet oben auf dem Felsgrat lag, kam er sich ohne seinen Destillanzug völlig ungeschützt vor. Der trockene Geschmack des Durstes kratzte in seiner Mundhöhle und erinnerte ihn an die Wüste, an seine Heimat, aber er hatte keine Fangtasche dabei, aus der er einen Schluck Wasser hätte trinken können ...
Am Vormittag hatten sie eine neue Lieferung Melange, die vom Wüstenplaneten hereingeschmuggelt worden war, an entflohene Häftlinge verkauft, die die Corrinos genauso innig hassten wie Dominic. Im Gemeinschaftsraum hatte Gurney Halleck eine Tasse mit Gewürzkaffee gehoben und einen Trinkspruch auf seinen Anführer ausgebracht. Dann schlug er einen Fis-Dur-Akkord auf seinem Baliset an, ging zu einem Moll-Akkord über und sang mit lauter Stimme (die nicht unbedingt melodiös, aber mitreißend war):
Ein Becher voll Gewürz
Er soll mich tragen
Weit fort von hier
Zu einem fernen Stern.
Melange, das ist es –
Melange! Melange!
Die Männer jubelten, und Bork Qazon, der salusanische Koch, goss ihm eine neue Tasse Gewürzkaffee ein. Der breitschultrige Scien Traf, ein ehemaliger Ingenieur von Ix, klopfte Gurney auf den Rücken, und der frühere Händler Pen Barlow mit der ständigen Zigarre im Mundwinkel lachte ausgelassen.
Liet hatte während des Liedes davon geträumt, selbst durch reichen Gewürzsand zu stapfen und den intensiven Zimtduft einzuatmen, der einem Sandwurm entstieg, auf dem er ritt. Vielleicht würde Warrick kommen und ihn zum Rotwall-Sietch bringen, wenn sie von Salusa zurückkehrten. Er wünschte es sich. Er hatte seinen Freund und Blutsbruder lange nicht mehr gesehen.
Warrick und Faroula waren jetzt seit fast anderthalb Jahren verheiratet. Vielleicht war sie inzwischen schon mit seinem Kind schwanger. Liets Leben wäre völlig anders verlaufen, wenn er sie zur Frau gewonnen hätte ...
Doch nun kauerte er zwischen den Felsen eines hohen Grats auf einem ganz anderen Planeten und spionierte die rätselhaften Bewegungen der imperialen Truppen aus. Liet justierte die hochauflösenden Öl-Linsen des Fernglases, bis er ein optimales Bild hatte. Er studierte, wie die Sardaukar in der trockenen Einöde exerzierten, beobachtete die Geschwindigkeit und Präzision, mit der sie sich bewegten.
Trotzdem war Liet überzeugt, dass eine verzweifelte Gruppe gut bewaffneter Fremen in der Lage sein musste, sie zu besiegen ...
Schließlich wurden die überlebenden Gefangenen auf das Trainingsfeld vor den neuen bunkerartigen Sardaukar-Baracken geführt, deren Metallwände das trübe Sonnenlicht reflektierten. Die Soldaten schienen die Gefangenen prüfen zu wollen, ob sie bei den Übungen mit ihnen Schritt halten konnten. Wenn jemand zurückfiel, wurde er mit einem roten Blitz aus einer Lasgun getötet, während die anderen unbeirrt weitermachten.
Liet-Kynes wandte den Blick ab und beobachtete den Himmel. Inzwischen hatte er gelernt, die kränklichen Farbmuster zu deuten. Eine Wolkenballung glühte wie ein Entzündungsherd in intensivem Orange mit grün gestreiften Rändern. Schwärme aus Kugelblitzen trieben durch die Luft. Statische Funken wehten wie leuchtende Schneeflocken in Richtung des Beckens.
Aus den Geschichten, die Gurney Halleck und die anderen Schmuggler erzählten, wusste Liet über die Gefahren Bescheid, die jedem drohten, der ungeschützt in einen Aurorasturm geriet. Doch ein Teil von ihm – der neugierige Teil, den er von seinem Vater geerbt hatte – sah in ehrfürchtiger Faszination zu, wie das elektrische und radioaktive Unwetter näher kam. Der Sturm wurde von Tentakeln in exotischen Farben, ionisierten Luftmassen und kegelförmigen Schläuchen begleitet, die als Hammerwinde bezeichnet wurden.
Dann überwog seine Vorsicht, und er zog sich in einen Spalt zwischen den Felsen zurück. Die Höhle bot genügend Schutz für einen erfahrenen Fremen, aber die Truppen waren dem Unwetter auf der freien Fläche schutzlos ausgeliefert. Glaubten sie etwa, sie könnten einen Angriff purer, elementarer Naturgewalten überleben?
Als die Gefangenen die Wolken und Entladungen bemerkten, lösten sich ihre Reihen auf. Die uniformierten Truppen wichen nicht von der Stelle. Der Befehlshaber brüllte und wies sie offenbar an, wieder ihre Plätze einzunehmen. Sekunden später zerrte eine kräftige Bö, ein Vorbote des Sturms, am Offizier und hätte ihn fast von seiner schwebenden und heftig wankenden Plattform geworfen. Darauf schrie der große Anführer mit dem zerfurchten Gesicht, dass sich alle Mann in die Metallbunker zurückziehen sollten.
Die Sardaukar bewegten sich in geübtem Gleichschritt. Einige der Gefangenen versuchten es ihnen gleichzutun, während viele Hals über Kopf in die Baracken flüchteten.
Nur wenige Augenblicke, nachdem die letzte Tür gesichert war, schlug der Aurorasturm zu. Wie ein wütendes Tier tobte er sich im Becken aus und warf mit Blitzen in allen Farben um sich. Immer wieder schlugen Hammerwinde wie Riesenfäuste auf den Boden, bis es eine der Baracken traf. Die Unterkunft aus stabilem Metall wurde einfach plattgedrückt – und mit ihr alle Personen, die sich darin befanden.
Knisternde, kochende Luft trieb auf den Grat zu. Obwohl es nicht sein Heimatplanet war, wusste Liet seit frühester Kindheit um die tödlichen Gefahren eines Sturms. Er zog sich von seinem erhöhten Aussichtspunkt zurück und kletterte durch die Felsen nach unten, wo er sich zwischen zwei große Blöcken in einen tiefen Spalt zwängte. Im nächsten Moment setzte ein infernalisches Heulen ein, während Kugelblitze durch die Luft wirbelten und immer wieder das Krachen von Hammerwinden zu hören war.
Der schmale Ausschnitt des Himmels, den Liet zwischen den Felsblöcken sehen konnte, war ein Kaleidoskop aus grellen Farben, die ihm auf der Netzhaut brannten. Er zog sich weiter zurück, obwohl er wusste, dass er seine Sicherheit dadurch nicht verbessern konnte.
Er atmete ruhig und wartete geduldig, dass der Aurorasturm weiterzog. Salusa hatte viele Ähnlichkeiten mit Dune. Beides waren raue Welten mit gnadenlosen Umweltbedingungen. Auch auf dem Wüstenplaneten konnten heftige Stürme die Landschaft umgestalten, einen Menschen zu Boden werfen oder ihm das Fleisch von den Knochen reißen.
Doch im Gegensatz zu dieser Welt kamen ihm die schrecklichen Wüstenstürme irgendwie sinnvoller vor, als wären sie auf irgendeine Weise mit dem Geheimnis und der Erhabenheit Dunes verbunden.
Liet wollte Salusa Secundus verlassen und mit Dominic Vernius auf seine Heimatwelt zurückkehren. Er wollte wieder in der Wüste leben – wo er hingehörte.
* * *
Als der richtige Zeitpunkt gekommen war, bestieg Dominic Vernius mit einem Teil seiner Schmugglermannschaft die Fregatte, die wieder von den zwei kleinen Leichtern begleitet wurde. Dominic war selbst der Pilot seines Flaggschiffs und steuerte es zum angewiesenen Andockplatz im Laderaum des Gilde-Heighliners.
Der abtrünnige Graf zog sich in seine Kabine zurück, um sich auszuruhen und nachzudenken. Obwohl er seit vielen Jahren im Verborgenen gewirkt und den Imperator wie eine lästige Pferdebremse geärgert hatte, war er nie im Stande gewesen, dem Imperium einen klaren und nachhaltigen Schlag zu versetzen. Ja, er hatte eine Lieferung von Gedenkmünzen des Imperators gestohlen, und er hatte die Ballonkarikatur über dem Pyramidenstadion von Harmonthep aufsteigen lassen. Ja, er war für den despektierlichen Riesenschriftzug – »Hat Shaddam noch alle Zacken in der Krone?« – an der Granitwand verantwortlich, und er hatte Dutzende von Statuen und Denkmälern geschändet.
Aber was hatte es genützt? Ix war immer noch verloren, und er hatte keine neuen Informationen, wie es dort aussah.
Zu Beginn seines selbst erwählten Exils hatte Dominic seine Truppen zusammengetrommelt und Männer um sich geschart, deren Loyalität aufgrund ihrer früheren gemeinsamen Aktivitäten außer Frage stand. Er hatte sich daran erinnert, wie sie vor Jahren die Ecazi-Rebellen besiegt hatten, und eine kleine, aber schwer bewaffnete und gut trainierte Streitmacht in den Angriff gegen die neue Tleilaxu-Festung geführt.
Mit seinen Waffen und dem Vorteil der Überraschung hatte Dominic gehofft, sich den Weg freischießen und die Eroberer bezwingen zu können. An der Raumhafenschlucht waren er und seine Männer mit Lasguns aus ihren Schiffen gestürmt. Doch dann waren sie zu ihrer Überraschung auf hartnäckigen Widerstand gestoßen – von den Sardaukar des Imperators. Die verdammten Corrinos! Was hatten ihre Haustruppen hier immer noch zu suchen?
Damals hatte sich das Überraschungsmoment gegen Dominic gekehrt, und die imperialen Elitesoldaten hatten ein Drittel seiner Männer getötet. Er selbst war unter den Trümmern einer Lasgun-Salve begraben und so schwer verletzt worden, dass man ihn für tot gehalten hatte. Nur Johdam war zurückgekehrt, um ihn in eins ihrer Schiffe zu schleppen, mit dem sie ein verzweifeltes Rückzugsgefecht eingeleitet hatten.
In Dominics geheimer Festung am Südpol von Arrakis hatten seine Männer ihn wieder gesund gepflegt. Da er Vorkehrungen getroffen hatte, die Identität der angreifenden Streitmacht zu verschleiern – um im Fall eines Fehlschlags Vergeltungsmaßnahmen gegen das ixianische Volk oder seine Kinder auf Caladan zu verhindern –, hatten die Tleilaxu niemals erfahren, wer hinter diesem Überfall stand.
Infolge dieses Debakels hatte Dominic seinen Männern erklärt, dass er nie wieder versuchen würde, seine Heimatwelt durch eine militärische Aktion zurückzuerobern, da die Aussichten einfach zu schlecht standen.
Er hatte aus der Not eine Tugend gemacht und beschlossen, andere Mittel einzusetzen.
Seine Sabotage- und Vandalismusaktionen waren jedoch letztlich wirkungslos geblieben, nicht mehr als winzige Unregelmäßigkeiten in den Bilanzen des Hauses Corrino. Shaddam IV. wusste nicht einmal, dass der verstoßene Graf Vernius etwas damit zu tun hatte.
Obwohl er seinen Kampf fortsetzte, war dieser Zustand für Dominic schlimmer als der Tod – der Zustand der Bedeutungslosigkeit. Er lag in seiner Kabine an Bord der Fregatte und ließ alles, was er erreicht hatte, Revue passieren ... und alles, was er verloren hatte. Wenn er das Solidholo-Porträt von Shando betrachtete, das in der Nähe auf einem Sockel stand, konnte er sich beinahe einbilden, sie wäre immer noch hier bei ihm.
Ihre Tochter Kailea musste inzwischen zu einer attraktiven jungen Frau herangewachsen sein. Er fragte sich, ob sie verheiratet war, vielleicht mit jemandem aus dem Hofstaat von Leto Atreides ... aber gewiss nicht mit dem Herzog selbst. Es war allgemein bekannt, wie viel Gewicht die Atreides auf politische Eheschließungen legten, und die Prinzessin eines Renegatenhauses hatte nicht einmal eine Mitgift. Entsprechendes galt für Rhombur. Obwohl er jetzt alt genug war, um Graf des Hauses Vernius werden zu können, war dieser Titel ohne jeden Wert.
Eine unerträglich schwere Traurigkeit lastete auf seinen Schultern, während er auf das Holobild Shandos starrte. Und dann, in seinem Kummer, sprach sie zu ihm.
»Dominic ... Dominic Vernius. Deine Identität ist mir bekannt.«
Verwirrt richtete er sich auf und fragte sich, ob er allmählich dem Wahnsinn verfiel. Shandos Mund bewegte sich auf mechanische Art und Weise. Das Holo ihres Gesichts drehte sich, aber ihr Ausdruck veränderte sich um keinen Deut. Ihre Augen sahen ihn nicht an. Weitere Worte folgten.
»Ich benutze dieses Bild, um mit dir zu kommunizieren. Ich muss eine Botschaft von Ix überbringen.«
Dominic näherte sich zitternd dem Bild. »Shando?«
»Nein. Ich bin der Navigator dieses Heighliners. Ich habe dieses Bild gewählt, um mit dir zu sprechen, weil es die Kommunikation erleichtert.«
Dominic wollte immer noch nicht glauben, was er erlebte, doch er kämpfte seine instinktive Furcht zurück. Zu sehen, wie sich Shandos Ebenbild bewegte, wie sich ihr Gesicht belebte, erfüllte ihn mit einer abergläubischen Ehrfurcht, wie er sie noch nie erfahren hatte. »Ja, wer auch immer du sein magst. Was hast du mir zu sagen?«
»Mein Bruder C'tair Pilru hat eine Botschaft von Ix geschickt. Er bat mich, diese Informationen an dich weiterzuleiten. Ich kann nicht mehr tun, als dir diese Anweisungen zu geben.«
Die Lippen des Holos bewegten sich jetzt schneller, und eine andere Stimme war zu hören, als Shandos Bild die Worte wiedergab, die C'tair in seiner Verzweiflung seinem Bruder, dem Navigator, anvertraut hatte. Mit wachsendem Entsetzen hörte Dominic zu und erfuhr vom Ausmaß der Schrecken, die seiner geliebten Welt und seinem Volk durch die Tleilaxu-Eroberer zugefügt worden waren.
Er kochte vor Wut. Als er während der ersten Tleilaxu-Attacken um Hilfestellung gebeten hatte, war er vom verdammenswerten Imperator Elrood IX. hingehalten worden, was zur Niederlage des Hauses Vernius geführt hatte. In seiner Verbitterung wünschte sich Dominic, dass der alte Mann nicht gestorben wäre, bevor er die Möglichkeit erhalten hatte, ihn zu töten.
Doch nun erkannte Dominic, dass ein viel größerer und heimtückischerer Plan hinter allem stand. Letztlich war die gesamte Aktion der Tleilaxu eine imperiale Intrige, die fast zwanzig Jahre später immer noch von Sardaukar-Truppen gesichert wurde. Elrood hatte den Konflikt ursprünglich ausgelöst, und sein Sohn Shaddam setzte das Komplott fort, indem er die noch lebenden Untertanen des Hauses Vernius unterdrückte.
Die Stimme des Shando-Holos veränderte sich erneut und gab nun wieder die schwerfälligeren Worte des Navigators wieder. »Auf der Route meines Schiffes kann ich dich nach Xuttuh bringen, ehemals unter dem Namen Ix bekannt.«
»Tu das«, sagte Dominic, während der Hass sein Herz vereiste. »Ich möchte die Schrecken mit eigenen Augen sehen, und dann ...« Er legte sich eine Hand auf die Brust, als wollte er vor Shando schwören. »Dann werde ich, Dominic, Graf des Hauses Vernius, das Leid meines Volkes rächen.«
Als der Heighliner in den Orbit eintrat, traf sich Dominic mit Asuyo, Johdam und den anderen. »Kehrt nach Arrakis zurück. Begebt euch in unsere Basis und setzt die Arbeit fort. Ich nehme einen der Leichter.« Er starrte auf den Sockel mit der Holo-Statue, als würde er dort immer noch seine Frau sehen. »Ich habe etwas zu erledigen.«
Die zwei Veteranen gaben ihrer Überraschung Ausdruck, doch Dominic schlug mit der Faust auf den Tisch. »Keine Diskussion! Ich habe meine Entscheidung getroffen.« Er blickte seine Männer an, die erstaunt bemerkten, wie sehr er sich plötzlich verwandelt hatte.
»Aber wohin gehen Sie?«, fragte Liet. »Was haben Sie vor?«
»Ich werde nach Ix gehen.«